Weihnachtsgeschichte

von Inès Keerl

Anmerkung der Autorin: Vor vielen Jahren schrieb ich diese Weihnachtsgeschichte. Und dieses Jahr dachte ich mir, es wär doch schön, meinen Leser:innen ein kleines Geschenk zu Weihnachten zu machen. Viel Freude beim Lesen.

Früher hatte er als Fahrer bei dem Textilfabrikanten Kriensch gearbeitet. Dann war Elisabeth gestorben.

Nach der Beerdigung trank er acht Korn gegen die Trauer, gegen das Alleinsein. Am nächsten Abend waren es wieder acht Schnäpse. Gegen die Trauer. Gegen das Alleinsein. Kinder hatten sie nicht gehabt. Nur einander. Sie fehlte ihm so sehr. Gegen die Trauer und das Alleinsein trank er seine Schnäpse jeden Tag ein paar Minuten früher. Und er trank mehr.

Eines Morgens war es so weit: Beim Aufstehen griff er zur Flasche. Das Trinken vertrug sich nicht mit seinem Führerschein. Er verlor ihn und damit seine Arbeit.

Jetzt hatte er keinen Grund mehr, morgens aufzustehen, sich zu waschen und zu rasieren. Die Leute aus dem Dorf gingen ihm aus dem Weg.

Die Eltern verboten den Kindern den Umgang mit dem graubärtigen Mann.

„Er sieht aus wie ein Waldschrat!“

„Mit seinem grünen Filzhut sieht er nicht nur so aus, er wohnt auch wie ein Waldschrat, alleine, am alten Steinbruch im Wald.“


Nach Elisabeths Tod hatte er das schmucke Häuschen im Dorf verlassen und war in die Kate gezogen. Sein Hausrat steckte zum größten Teil noch in Kisten. Er traute sich nicht, sie auszupacken

– schmerzliche Erinnerungen. Sie kamen jederzeit zu ihm, wenn er Kartoffeln kochte, wenn er schlafen wollte, wenn Festtage näher- rückten.

Weihnachten stand wieder vor der Tür. Der Waldschrat wußte nicht, wie er dieses Fest nun wieder überstehen sollte.

Früher mit Elisabeth hatte er alljährlich eine gerade gewachsene, rundum dichte Nordmanntanne aufgestellt. Während er Äpfel und Nüsse an die Zweige hängte, zog Elisabeth Bienenwachskerzen. Der Duft nach heißem Wachs hatte die Räume durchzogen. Und nun? Für wen sollte er einen Baum schmücken? Für sich?

Nachts träumte er wie so oft von Elisabeth. Sie sprach, es seien noch Kerzen da. Mit ihnen solle er einen Weihnachtsbaum schmücken.

„Du bist nicht da. Ich stelle keinen Baum ohne dich auf.“

„Dann schmücke einen im Wald – für die Menschen, die dort spazierengehen, und für die Tiere.“

Morgens wachte der Waldschrat kopfschüttelnd auf und griff zur Flasche.

Der Gedanke an die Kerzen ließ ihn jedoch nicht los. Er brachte fast den ganzen Tag damit zu, auf die Kisten zuzugehen, erschreckt stehenzubleiben, sich abzuwenden, vor die Tür zu ge- hen, innezuhalten, nachzudenken, wieder hineinzugehen, und das Spiel von neuem zu beginnen.

Endlich überwand er sich und öffnete eine Kiste nach der anderen, bis er die Kerzen fand. Und neben den Kerzen fand er eine Kiste mit Strohsternen und kleinen Engeln mit bemalten Holzköpfchen und Daunen als Körper. Er fing leise an zu weinen. Elisabeth hatte diese selbst handgearbeitet, „um unseren Baum noch schöner zu machen.“

In der Abenddämmerung schlich der Waldschrat mit einer Ta- schenlampe und dem Baumschmuck in den Wald und suchte nach einem passenden Nadelbaum. Er ging die Wege auf und ab und merkte gar nicht, dass er schon jenseits der Forellenteiche im Königsforst war. Hier endlich fand er einen passenden Baum unmittelbar am Wegesrand. Geschwind ward dieser geschmückt.

Morgens beim ersten Gähnen galt sein erster Gedanke nicht der Flasche sondern dem Weihnachtsbaum im Wald, er kicherte leise in sich hinein.

Er besuchte seinen Baum. Zugegeben am Tage sah er ein kleines bisschen mickrig aus, aber der Schmuck verlieh ihm Würde. Als der Waldschrat Stimmen hörte, lief er schnell weg. Der vorbei- kommende Förster und sein Gehilfe staunten nicht schlecht über den rätselhaften Baum.

Abends in der Kneipe erzählten sie von ihrer Entdeckung. Die Neuigkeit machte die Runde. Jeder wollte den Baum sehen.

Manch einer hing einen zusätzlichen Strohstern an einen Zweig, andere Äpfel und Nüsse.

Ein Reporter der Dorfpost kam vorbei und fotografierte das „Wunder“. Wer mochte der Baumschmücker sein? Der Pfarrer? Ein Engel? Frau Reitberger?

Fragen über Fragen.

Auf den Waldschrat kam niemand.

Auch er hörte schließlich, dass sein Baum nicht nur bekannt sondern auch Tagesgespräch war. Und dass jeder, endlich einmal jeder, diese Idee gut fand. Nicht nur gut, sondern romantisch, geil, super, rührend, einfach himmlisch, erfrischend, „richtiges Weihnachten“.

Der Waldschrat freute sich sehr. Er freute sich so sehr, dass sein Herz zu hüpfen schien.

Sein erster Gedanke morgens war „sein“ Baum, der zweite Gedanke Elisabeth, dann wieder der Baum.

Er eilte zu ihm und vergaß, einen Schluck aus der Flasche zu nehmen.

Der Waldschrat ging ins Dorf, und die Menschen sprachen mit ihm – natürlich über den Baum.

Er freute sich und trank abends nur drei Gläser Schnaps.

Selbst als Weihnachten vorbei war, und der Waldschrat den Baum heimlich abgeschmückt hatte, blieb dieser weiter im Gespräch.

        „Wird sich das Wunder nächstes Jahr wiederholen?“, fragte die Dorfpost und zeigte ein Bild des Bürgermeisters, des Försters und seines Dackels vor dem Baum.

Natürlich, dachte der Waldschrat, als er den Zeitungsartikel an die Wand pinnte. Jedes Jahr werde ich den Baum schmücken, aber niemand von euch wird wissen, dass ich es bin. Das ist allein Elisabeths und mein Geheimnis.

An diesem Tag warf der Waldschrat alle Schnapsflaschen weg und ging zum Friseur.




Inès Keerl ist Autorin der Tafelberg Reihe

Starke Frauen im 17. Jahrhundert

Am Kap der Guten Hoffnung, im Schatten der VOC, behaupten sich drei Frauen in einer männerdominierten Welt – sie kämpfen um Freiheit und Selbstbestimmung.
Basierend auf wahren Begebenheiten erzähle sie ihre Geschichten:

🌿 Catharina Ustings – die Lübeckerin, die ein Weingut gründete, das bis heute existiert: Steenberg
🌿 Krotoa/Eva – die Urmutter des Afrikaans, zerrissen zwischen zwei Welten.
🌿 Amisha – die bengalische „Mörderin“, die ihr Leben lang für ihre Freiheit kämpfte.

Eine Romanreihe über Mut, Verlust, Sehnsucht – und Frauen, die Geschichte schrieben. 💛 Ach ja, Liebe spielt auch eine Rolle 😉.

📖 Die Löwin vom Tafelberg – nominiert für den Goldenen Homer 2024
📖 Die Frauen vom Tafelberg – ab 16.10.2025

👉 Für alle, die historische Romane über starke Frauen lieben. 

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