von Inès Keerl

Historische Romane sind keine Kurzstreckenläufer.
Sie verschwinden nicht nach einer Saison, sie brauchen keinen Trend.
Sie bleiben.

Wer kennt sie nicht – Der Medicus, Die Säulen der Erde. Bücher, die viele von uns in der Jugend gelesen haben und die bis heute auf Bestenlisten, Empfehlungslisten und in Buchhandlungen auftauchen. Nicht aus Nostalgie, sondern weil sie funktionieren. Immer noch.

Warum ist das so?

Historische Romane erzählen keine Fakten.
Sie erzählen Geschichten.

Und vielleicht sind sie gerade deshalb heute so relevant. In einer Zeit, in der sich Gegenwart oft fragmentiert und unübersichtlich anfühlt, bieten historische Romane etwas Seltenes: Einordnung. Sie zeigen, dass Umbrüche, Krisen, Machtkämpfe und gesellschaftliche Verschiebungen kein Ausnahmezustand sind, sondern Teil menschlicher Geschichte. Sie trösten nicht – aber sie relativieren. Und sie machen erfahrbar, dass wir nicht die Ersten sind, die sich orientieren müssen.

Ihre Figuren leben weiter – lange nachdem das Buch geschlossen wurde. Wir erinnern uns nicht an Jahreszahlen, sondern daran, wie Kathedralen entstanden sind. Wie Medizin funktionierte, bevor sie sicher war. Wie Frauen, Handwerker oder Außenseiter in ihrer Zeit gelebt, gelitten und gehofft haben.

Fast immer sind historische Romane sorgfältig recherchiert. Autor:innen verbringen Monate, oft Jahre damit, Quellen zu lesen, Orte zu studieren, Widersprüche auszuhalten – und all das in eine erzählerische Form zu bringen. Gute historische Romane behaupten nicht, die Wahrheit zu besitzen. Sie machen sichtbar, wo Geschichte endet und Fiktion beginnt – im Nachwort, in Anmerkungen oder begleitenden Materialien. Genau darin liegt ihre Stärke: Sie laden dazu ein, weiterzulesen, weiterzufragen, tiefer einzutauchen – nicht blind zu glauben.

Im ersten Teil dieser Reihe möchte ich drei sehr unterschiedliche historische Romane empfehlen. Drei Bücher, drei Zugänge zur Vergangenheit: über ein Gemälde, ein Bauwerk und eine Legende.
Alle drei erschienen vor mehr als 25 Jahren. Alle drei wurden verfilmt – als Kinofilm oder Serie. Und alle drei werden bis heute gelesen.


Tracy Chevalier – Das Mädchen mit dem Perlenohrring

Der Roman erschien 1999 und basiert auf einem der berühmtesten Gemälde der Kunstgeschichte. Tracy Chevalier selbst zeigte sich in einer Neuauflage von 2019 überrascht über den anhaltenden Erfolg ihres Buches – sie macht ihn am Bild fest.

Das mag ein Teil der Erklärung sein.
Doch der eigentliche Sog liegt woanders.

Chevalier macht aus einem Blick eine Beziehung. Zwischen Maler und Modell. Zwischen Nähe, Macht und Schweigen. Das Mädchen auf Vermeers Bild ist keine historische Person – aber im Roman wird sie lebendig. Wer dieses Buch gelesen hat, sieht nicht nur das Gemälde anders, sondern auch die Niederlande des 17. Jahrhunderts: Licht, Räume, Zurückhaltung, die stille Magie der Kunst. Der Roman wurde 2003 verfilmt – und hat dadurch eine neue Generation von Leser:innen erreicht.


Ildefonso Falcones – Die Kathedrale des Meeres

Die Kathedrale des Meeres erschien 2006, die deutsche Übersetzung von Lisa Grüneisen folgte 2007 im Scherz Verlag. Der Roman erzählt vom Bau der gotischen Kirche Santa Maria del Mar im mittelalterlichen Barcelona – errichtet vom Volk für das Volk.

Falcones wählt die Perspektive des fiktiven Steinträgers Arnau und seiner Zeitgenossen. Was man aus diesem Buch lernt? Wie hart körperliche Arbeit war. Wie wenig selbstverständlich Freiheit und sozialer Aufstieg waren. Und wie eng Glaube, Macht und soziale Ungerechtigkeit miteinander verwoben sind.

Wer danach Santa Maria del Mar betritt, betritt keinen schönen Raum mehr – sondern einen erzählten.
2017 wurde der Roman als Serie verfilmt und machte die Geschichte auch international einem neuen Publikum zugänglich.


Donna W. Cross – Die Päpstin

Der Roman erschien bereits 1996 und basiert auf der mittelalterlichen Legende der Päpstin Johanna – historisch nicht belegbar, aber seit Jahrhunderten wirkmächtig. Donna W. Cross erzählt von einer hochgebildeten Frau, die sich in einer von Männern dominierten Welt als Mann ausgibt, um Wissen, Einfluss und schließlich Macht zu erlangen.

Ob die Geschichte wahr ist oder nicht, ist fast zweitrangig.
Der Roman macht erfahrbar, wie radikal begrenzt die Rechte von Frauen waren – und wie gefährlich Bildung für bestehende Machtstrukturen sein konnte. Dass der päpstliche Stuhl bis heute ein Loch hat und bei der Papstwahl überprüft wird, ist zumindest ein Hinweis darauf, dass Legenden nicht grundlos entstehen. 2009 wurde Die Päpstin von Sönke Wortmann verfilmt und erreichte damit ein Millionenpublikum weit über die Leser:innenschaft hinaus.


Zwischen 1996 und 2017 liegen mehr als zwei Jahrzehnte – und doch sind diese Geschichten präsent geblieben. In Buchhandlungen. In Verfilmungen. In der Erinnerung ihrer Leser:innen. Historische Romane verschwinden nicht. Sie verändern nur ihre Form.

Historische Romane glätten Geschichte nicht.
Sie machen sie menschlich.

Und vielleicht sind sie genau deshalb Longseller.


Inès Keerl ist Autorin der Tafelberg Reihe

Starke Frauen im 17. Jahrhundert

Am Kap der Guten Hoffnung, im Schatten der VOC, behaupten sich drei Frauen in einer männerdominierten Welt – sie kämpfen um Freiheit und Selbstbestimmung.
Basierend auf wahren Begebenheiten erzähle sie ihre Geschichten:

🌿 Catharina Ustings – die Lübeckerin, die ein Weingut gründete, das bis heute existiert: Steenberg
🌿 Krotoa/Eva – die Urmutter des Afrikaans, zerrissen zwischen zwei Welten.
🌿 Amisha – die bengalische „Mörderin“, die ihr Leben lang für ihre Freiheit kämpfte.

Eine Romanreihe über Mut, Verlust, Sehnsucht – und Frauen, die Geschichte schrieben. 💛 Ach ja, Liebe spielt auch eine Rolle 😉.

📖 Die Löwin vom Tafelberg – nominiert für den Goldenen Homer 2024
📖 Die Frauen vom Tafelberg – erschienen Herbst 2025

👉 Für alle, die historische Romane über starke Frauen lieben. 

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