von Inès Keerl
Manchmal beginnt eine Frage ganz unscheinbar. Beim Lesen. Ein Buch, das schon lange da ist. Ein Klassiker. Die Sätze tragen eine andere Zeit, und doch ist da etwas, das sich nicht entfernt anfühlt. Eher wie ein leises Wiedererkennen. Und irgendwo zwischen diesen Zeilen taucht der Gedanke auf: Ist das hier eigentlich schon Vergangenheit? Und wenn ja — macht das dieses Buch, diesen Klassiker, automatisch zu einem historischen Roman?
Die Antwort liegt nicht im Alter eines Buches. Sie liegt woanders.
Was bleibt
Ein Klassiker entsteht nicht mit dem ersten Satz. Er wächst mit den Jahren, mit den Leserinnen, die ihn weitertragen. Stolz und Vorurteil ist so ein Buch. Als Jane Austen es schrieb, war nichts daran Vergangenheit. Es war Gegenwart, lebendig, nah. Gespräche, Blicke, gesellschaftliche Erwartungen — all das war ihr Alltag. Sie hat nicht in die Geschichte zurückgeblickt. Sie hat beschrieben, was sie kannte. Was sie täglich erlebte.
Heute wirkt es wie ein Blick in eine andere Welt. Aber das ist nicht Austens Entscheidung. Das ist unsere Wahrnehmung. Die Zeit hat sich um das Buch herum verändert — das Buch selbst nicht.
Das ist vielleicht das Merkwürdige an Klassikern. Sie stehen still. Wir gehen weiter. Und irgendwann schauen wir zurück und sehen sie dort stehen, weit entfernt — obwohl sie sich nie bewegt haben.
Ein Klassiker sagt nichts darüber, wann eine Geschichte spielt. Er sagt etwas darüber, was von ihr übrig bleibt. Und das ist etwas grundlegend anderes.
Ab wann ist Vergangenheit Geschichte?
Es gibt eine Faustregel in der Literaturwissenschaft. Keine strenge Definition, aber eine, die sich bewährt hat: Ein historischer Roman spielt mindestens 50 Jahre vor dem Entstehungsdatum. Eine Generation, die das Geschehene nicht mehr selbst erlebt hat. Wissen aus zweiter Hand. Aus Büchern, Erzählungen, Archiven.
Das klingt technisch. Aber es erklärt etwas Wesentliches.
Tolstoi schrieb Krieg und Frieden zwischen 1863 und 1869. Die Ereignisse spielen 1805 bis 1812. Rund 55 Jahre Abstand. Knapp außerhalb der eigenen Erinnerung — aber noch nah genug, dass Zeitzeugen lebten, als er schrieb. Zeitzeugen, die er befragen konnte. Die ihm erzählten, wie sich Moskau anfühlte, als Napoleon einmarschierte. Und doch: Er selbst war nicht dabei. Er musste sich diese Welt erschreiben.
Genau an dieser Grenze beginnt der historische Roman. Nicht bei tausend Jahren Abstand. Nicht bei mittelalterlichen Burgen und Pestjahren. Sondern schon dort, wo die eigene Erinnerung endet und das Recherchierte beginnt.
Jane Austen liegt diesseits dieser Grenze. Sie hat nicht zurückgeblickt — sie hat beschrieben, was sie kannte. Tolstoi liegt jenseits. Knapp, aber eindeutig.
Und das ist der Punkt, der irritiert: 50 Jahre sind kein Jahrhundert. Es ist kaum mehr als ein Menschenleben. Eine Großmutter, die ihrem Enkel erzählt, was sie erlebt hat. So nah kann Geschichte sein — und trotzdem bereits eine andere Welt.
Der Abstand
Ein historischer Roman beginnt also an einem anderen Punkt. Im Versuch, eine Zeit zu erreichen, die man selbst nicht kennt. Nicht erlebt hat. Die man sich erschreiben muss.
Und genau hier können Klassiker und historischer Roman zusammenfallen. Krieg und Frieden ist ein historischer Roman — weil Tolstoi sich bewusst in die Vergangenheit begeben hat. Und es ist ein Klassiker — weil es geblieben ist. Weil es Generationen von Lesern erreicht hat, die selbst nichts mehr mit den Napoleonischen Kriegen verbindet.
Aber das ist die Ausnahme. Nicht die Regel.
Die Verwechslung
Vielleicht liegt die Verwechslung genau darin. Dass wir lesen und das Gefühl haben, zurückzugehen — dabei gehen wir oft nur durch die Zeit eines anderen Menschen. Durch ihre Gegenwart. Eine Gegenwart, die für uns längst Geschichte ist.
Der große Gatsby fühlt sich heute an wie Erinnerung. Prohibition. Jazz. Die wilde Energie der Zwanziger. Und doch: Für F. Scott Fitzgerald war das keine vergangene Epoche. Das war seine Welt, genau wie für Jane Austen die ihre. Er hat nicht zurückgeblickt — er hat geschaut, was ihn umgab.
Hier liegt der feine, aber entscheidende Unterschied zum historischen Roman: Fitzgerald hat nicht recherchiert, was die Zwanziger waren. Er hat sie gelebt. Und das spürt man. Diese Unmittelbarkeit, diese Selbstverständlichkeit, mit der die Welt im Buch existiert. Ein historischer Roman trägt immer auch den Abstand in sich — die Lücke zwischen dem Autor und der Zeit, über die er schreibt. Diese Lücke ist keine Schwäche. Sie ist der Ausgangspunkt.
Beim Schreiben
In meinen historischen Romanen — Die Löwin vom Tafelberg und Die Frauen vom Tafelberg — ist genau diese Lücke der Anfang. Catharina Ustings hat im 17. Jahrhundert gelebt. Was ich über sie weiß, ist bruchstückhaft. Was ich nicht weiß, ist das meiste. Und genau dort, wo die Quellen schweigen, beginnt die Arbeit wirklich. Nicht das Erfinden — sondern das Erschließen. Was war wahrscheinlich? Was war möglich? Was war unmöglich, auch wenn es sich gut anfühlte?
Jeder Blick, jede Entscheidung, jedes Gespräch trägt eine andere Schwere. Weil die Welt eine andere war. Weil ich nicht schreibe, was ich kenne — sondern was ich mir durch Recherche, Vorstellungskraft und ein gewisses Vertrauen in die Logik der Geschichte und der historischen Fakten erarbeite.
Und während ich schreibe, entsteht etwas Merkwürdiges: Diese fremde Zeit rückt näher. Nicht laut. Eher so, als würde sie sich langsam erinnern lassen. Als wäre sie nicht verschwunden — nur abgewartet.
Das ist das Eigentümliche am historischen Roman. Er gibt vor, zurückzugehen. Aber in Wirklichkeit holt er etwas zurück.
Was sich sagen lässt
Am Ende ist es einfacher, als es am Anfang wirkt — und gleichzeitig präziser.
Ein Klassiker entsteht über die Zeit. Er braucht Leserinnen, die ihn tragen. Jahrzehnte, manchmal Jahrhunderte. Er kann in jeder Epoche spielen — in der Vergangenheit, in der Gegenwart, sogar in einer Zukunft, die nie kommen wird. Frankenstein von Mary Shelley. 1984 von George Orwell. Welten, die es nie gab — oder vielleicht doch. Was ein Buch zum Klassiker macht, ist nicht sein Sujet. Es ist seine Haltbarkeit.
Ein historischer Roman entscheidet sich für die Vergangenheit. Bewusst. Sein Ausgangspunkt ist der Abstand — die Lücke zwischen dem Jetzt und dem Damals, die es zu überbrücken gilt. Nicht jeder historische Roman wird zum Klassiker. Und nicht jeder Klassiker ist ein historischer Roman.
Beides kann sich begegnen. Muss es aber nicht.
Und vielleicht genügt das
Vielleicht reicht es, beim nächsten Buch einen Moment länger zu bleiben. Nicht sofort einzuordnen. Sondern zu spüren, wo man sich gerade bewegt.
Hat diese Autorin zurückgeblickt — oder beschrieben, was sie kannte? Hat sie eine fremde Zeit erschlossen — oder eine vertraute Zeit beschrieben, die für uns inzwischen fremd geworden ist?
Das ist kein akademischer Unterschied. Es verändert, wie man liest. Was man sucht. Was man findet.
In einer erzählten Vergangenheit. Oder in einer Gegenwart, die nur leise vergangen ist. Beides hat Gewicht. Nur auf eine andere Weise.
Wer mehr darüber lesen möchte, wie dieser Abstand beim Schreiben konkret aussieht — wie aus Archivlücken Figuren werden und aus Vermutungen Szenen — findet das hier: Auf der Spur der Löwin und Was ist wahr, was ist erfunden.
Die Romane, um die es geht:
Die Löwin vom Tafelberg — nominiert für den Goldenen Homer 2024
Die Frauen vom Tafelberg — nominiert für den Goldenen Homer 20261682 – Ein Anfang ohne Komfort
Inès Keerl ist Autorin der Tafelberg Reihe
Starke Frauen im 17. Jahrhundert
Am Kap der Guten Hoffnung, im Schatten der VOC, behaupten sich drei Frauen in einer männerdominierten Welt – sie kämpfen um Freiheit und Selbstbestimmung.
Basierend auf wahren Begebenheiten erzähle sie ihre Geschichten:
🌿 Catharina Ustings – die Lübeckerin, die ein Weingut gründete, das bis heute existiert: Steenberg
🌿 Krotoa/Eva – die Urmutter des Afrikaans, zerrissen zwischen zwei Welten.
🌿 Amisha – die bengalische „Mörderin“, die ihr Leben lang für ihre Freiheit kämpfte.
Eine Romanreihe über Mut, Verlust, Sehnsucht – und Frauen, die Geschichte schrieben. 💛 Ach ja, Liebe spielt auch eine Rolle .
📖 Die Löwin vom Tafelberg – nominiert für den Goldenen Homer 2024
📖 Die Frauen vom Tafelberg – nominiert für den Goldenen Homer 2026
👉 Für alle, die historische Romane über starke Frauen lieben.