Manche Szenen schreibt man und hofft, dass der Leser sie für Fiktion hält. Dabei stehen sie wörtlich in den Chroniken.
Für „Die Frauen vom Tafelberg” habe ich wieder tief in historischen Quellen gegraben – und was ich gefunden habe, hat mich manchmal sprachlos gemacht. Hier sind die Fakten, die ich nicht erfinden musste. Und natürlich auch, was ich erfunden habe. Mehr oder weniger chronologisch, wie es im Roman ist.
Catharina und ihre Ehemänner
Ja, leider wahr: Catharina hat ihren ersten Ehemann am Kap bei einer Löwenattacke verloren – Hans. Danach hätte sie ihre Farm verloren, wenn sie François Champelaer nicht geheiratet hätte. Diese Ehe hat sie geschlossen, in dem Glauben, sich zu retten. Leider erwies sich Francois als ein lausiger Farmer. Und ja, er ist mit Thielemann, Hans’ bestem Freund, bei Mordkuil gestorben (Mordkuil siehe weiter unten).
Danach heiratete sie Laurens Cornelisz. Im Roman übergehe ich diese Ehe aus dramaturgischen Gründen. Sein Tod ist jedoch historisch genau so belegt: Er wurde von Elefanten zertrampelt.
Drei Ehemänner hat Catharina innerhalb von sieben Jahren am Kap verloren. Dreimal ist sie verarmt, dreimal wiederaufgestanden. Sie muss eine unglaublich willensstarke Frau gewesen sein.
Ihr letzter Ehemann war Matthys Michels. Mit ihm war sie bis zu ihrem Lebensende verheiratet. Ich kann ihr nur wünschen, dass diese Ehe glücklich war, was immer man im 17. Jahrhundert auch unter einer glücklichen Ehe verstanden hat. Auf jeden Fall hat sie bis zu ihrem Tod nie wieder gehungert und hatte mit Swaaneweide eine Heimat für sich.
Daher auch das Unterthema des Romans: eine Heimat finden und Stabilität. Und das bedeutete, Land zu haben in dieser Zeit. Land, das einem nicht weggenommen werden konnte. Land, das die Grundlage für die Ernährung der Familie war.
Krotoa/Eva: Ein Leben zwischen den Welten
Eva wurde tatsächlich immer wieder nach Robben Island verbannt – wegen „unsittlichem Verhalten” und Alkohol. Was sich hinter dieser nüchternen Formulierung verbirgt, ist eine Geschichte von Trauma, Gewalt und Abhängigkeit. Die junge Khoi-Frau war Witwe, wehrlos – und sehr wahrscheinlich schon seit ihrer frühen Jugend vergewaltigt worden. Schon früh wurde sie an Alkohol herangeführt, denn es war unter den Kolonisten üblich, die Khoi beim Verhandeln mit Alkohol gefügig zu machen.
Wie sie starb, steht so in der Chronik: „Sie wurde in ihrem Erbrochenen aufgefunden, wie ein Hund.” Ich habe diesen Satz nicht abgemildert – weil er die Wahrheit ist. Und ja, er schmerzt und wird dieser Frau, die vier Sprachen zwischen den Völkern vermittelt hat, nicht gerecht. Ich bin überaus froh darüber, dass ihr zumindest posthum Ehre zuteil wird, wobei sie es zu Lebzeiten mehr verdient hätte.
Ihre Tochter Pieternella heiratete tatsächlich, ging mit den Borns nach Mauritius und kehrte mit ihrem Mann ans Kap zurück. Ob sie glücklich geworden ist, vermag ich nicht zu sagen. Aber sie hat ihre Mutter in Ehren gehalten: Ihre erste Tochter nannte sie Eva, ihre zweite Catharina.
Robben Island: Schon damals ein Gefängnis
Was viele nicht wissen: Robben Island war von Anfang an eine Gefangeneninsel – vom Festland durch offenes Wasser getrennt und ausbruchssicher. Über Jahrhunderte diente sie als Gefängnis, auch für Nelson Mandela. Heute ist sie ein Museum.
Gonnomoa: Der letzte Widerstand
Der Mordkuil-Angriff hat sich so zugetragen. Ob die Männer auf dem Weg nach Hottentots Holland waren, lässt sich nicht mehr genau belegen – aber sie gerieten in der Nähe des Tijgerbergs in einen Hinterhalt und wurden ermordet. Der Stammesführer Gonnomoa wurde dafür verantwortlich gemacht, Cruse zog gegen ihn – und fand ihn nicht. Es wird gemunkelt, dass Herman Remayenne, ein Freund Catharinas, ihn gewarnt haben soll. Ein klarer Beweis liegt allerdings nicht vor.
Als man schließlich einige von Gonnomoas Männern fand, ereilte sie das Schicksal, das ich im Roman beschrieben habe – und das in den Chroniken steht.
Gonnomoa war der letzte Khoi-Regent, der sich gegen die Compagnie aufbäumte. In den Quellen wird er fast als Warlord bezeichnet. Ich sehe ihn anders: als jemanden, der sein Land gegen eine Invasion verteidigte. Und es ist durchaus möglich, dass ihm der Mord in die Schuhe geschoben wurde – die zeitlichen Zusammenhänge passen zu gut.
Was er danach tat, ist historisch belegt und habe ich im Roman übernommen: Bei einem der nächsten Feldzüge der VOC gegen ihn griff er zu einer List, ließ Hunderte von Schafen und Rindern zurück und die VOC damit reiche Kriegsbeute machen und damit glauben, er sei wirtschaftlich ruiniert. Er zog sich nach Saldanha zurück. Damit verschaffte er seinem Volk Jahre des Überlebens.
Der Verkauf des Landes an die Compagnie
Die Khoi waren in verschiedene Stämme gegliedert, etwa Cochoqua, Hessequa, Goringhaicona. Claas war einer der Stammesführer – und derjenige, der sich am leichtesten lenken ließ. Deshalb verhandelte die VOC mit ihm. Er verkaufte das Land tatsächlich an die Compagnie, zusammen mit einem weiteren Anführer namens Schacher, ohne die übrigen Stammesältesten in diese Entscheidung miteinzubeziehen. Der Gegenwert: Kupferstücke, Tabak, Perlen, eiserne Werkzeuge sowie etwas Branntwein und Tuch. Quellen sprechen von einem heutigen Gegenwert zwischen 500 und 800 Euro. Doch tatsächlich verkaufte Claas damit nur, was die Compagnie sich noch nicht bereits unter den Nagel gerissen hatte.
Claas’ Tod: Was ich mir ausgedacht habe
Hier habe ich klar in die Fiktionskiste gegriffen. Ich habe mir so sehr gewünscht, dass Eva nicht nur jämmerlich gestorben ist, und so habe ich ihr eine letzte Rache geschenkt und hoffentlich Würde. Ob mir das gelungen ist, bleibt den Lesenden überlassen.
Don Quijote am Kap
Ja, Don Quijote gab es bereits zu dieser Zeit. Miguel de Cervantes veröffentlichte den ersten Teil 1605, den zweiten 1615. Das Buch gilt als erster moderner Roman der Weltliteratur – 2002 wählten hundert Schriftsteller, organisiert vom Osloer Nobelinstitut, es zum „besten Buch der Welt”. Es war ein Bestseller, und es ist durchaus denkbar, dass der gebildete Simon van der Stel dieses Buch kannte und gelesen hatte.
Catharina und Simon van der Stel
Simon van der Stel ist eine charismatische Figur am Kap. Und ja, seine Großmutter war entweder eine indische Sklavin oder Prinzessin, je nach Perspektive der Quelle. Fakt ist, mit ihm kam ein Mann mit Vision ans Kap, der es aus dem Status der Versorgungsstation zu einer lebenswerten – mir sei das Wort hier verziehen – Kolonie machen wollte.
Und ja, er ist der Gründer Stellenboschs – das ist historisch gesichert. Wo er und Catharina sich zum ersten Mal begegneten, ist nicht überliefert. Aber es kann sehr wohl in Swaaneweide gewesen sein. Van der Stel galt als eitel, nahm mehr Land, als ihm zustand, und schenkte es mehreren Frauen – Catharina war die erste. Ihr Weingut, wie das von Simon van der Stel existiert bis heute und kann besichtigt werden: Steenberg und Groote Constantia.
Das Geburtstagsfest in Stellenbosch mit dem Popinjay-Schießen und der Parade: historisch belegt. Ob Catharina dabei war, steht nicht in den Chroniken. Aber wer weiß das schon ganz genau. Was man weiß: Sie haben in guter Nachbarschaft gelebt und sich regelmäßig besucht.
Hendrik Crudop
Bei ihm habe ich mir Freiheiten erlaubt – aber er steht mit seiner Unterschrift hinter fast allem: Zaras Tod (Zara kennen Leser aus Band 1), das Enthaupten, die demütigenden Worte über Eva, Maykens Verbannung nach Mauritius, der Kaufvertrag, der den Khoi das Land wegnahm, der Feldzug gegen Gonnomoa. Für mich ist er der perfekte Antagonist.
Die Pocken
Die Pockenepidemie brach wirklich aus. Die Keime steckten in verseuchter Wäsche und wüteten in der Station. Für die indigene Bevölkerung, die keine Immunität hatte, war sie tödlich.
Amisha und ihre Familie starben historisch gesehen an einer rätselhaften Krankheit, die in die Zeit der Pockenepidemie fällt. Ihr Besitz wurde vor ihrem Tod versteigert, weil sie zu viele Schulden gemacht hatte. Auch sie starb, wie Eva, an einem Tiefpunkt ihres Lebens. Ich lasse sie im Roman überleben. Aus meiner Sicht hat sie das mehr als verdient. Ihr Sohn Christoffel überlebte und hat viele Nachfahren. So lebt Amisha am Kap weiter.
Neugierig geworden, was bereits im ersten Band historisch belegt ist? Hier findest du die Fakten hinter „Die Löwin vom Tafelberg”: → Wahrheit und Fiktion – Band 1
Wer mehr zur Recherche der Tafelbergreihe wissen möchte: Hier findest du den Artikel Auf der Spur der Löwin.